Positionen

Scheinbar Widersprüchliches aus einem besonnenen Blickwinkel zu betrachten, eröffnet nicht selten neue Erkenntnisse. Wie schön ist es zu erkennen, dass ein behutsam bewahrtes und teilweise verschlossenes Waldgebiet großes für Menschen und Klima leisten kann.

Hier unsere Positionen zu „Naturschutz & Holznutzung„, „Rückkehr der Beutegreifer“ und zum Thema Biodervisität.

Naturschutz & Holznutzung

Das Wildnisgebiet Dürrenstein steht für kaum berührte Waldflächen, seltene Ökosysteme sowie den größten Urwald Österreichs: den Rothwald. Wo es täglich um den Schutz der Natur geht, hat dort auch die Frage nach Nutzung der „Ressource Holz“ seine Berechtigung? Wildnisgebiet-Leiter Christoph Leditznig gibt aufschlussreiche Fakten zum Thema Klimawandel, CO2-Ausstoß und den Wald als Kompensator.

„Als Mitarbeiter in einem Wildnisgebiet kommt man natürlich immer wieder mit dem Thema ‚Waldschutz versus Holznutzung‘in Berührung„, erzählt Christoph Leditznig, der das Wildnisgebiet Dürrenstein seit dem 2002 leitet.

„Was im ersten Moment wie ein Spannungsfeld wirkt, kann sich bei bewusstem Umgang jedoch ergänzen“, erzählt der Forsttechniker und Wildbiologe.

© naturstammhaus.at

Um das Thema CO2 umfassend zu betrachten, sollte man den Blick auf zwei unterschiedliche Fakten werfen: Einerseits die Rolle des Waldes als „natürlicher Klimaschützer“, der das Treibhausgas CO2 aus der Luft filtert und längerfristig bindet (spannende Zahlen dazu weiter unten). Auf der anderen Seite der Medaille steht die weltweite Entwaldung und Zerstörung von Wäldern, die bis zu 20 Prozent zum globalen CO2-Ausstoß beiträgt sowie die enorme Nutzung fossiler Brennstoffe. Die dadurch prognostizierte Verdoppelung des CO2-Ausstoßes bis zum Jahr 2050 kann nur zu einem kleinen Teil von Wald kompensiert werden – gleich, ob Forst, Holzplantage, Ur- oder Naturwald.

DIE VERNÜNFTIGE NUTZUNG VON HOLZ

Doch wie sieht eine sinnvolle Vorgehensweise nun aus? „Auch als Wald- und Urwaldschützer wäre es unvernünftig, gegen die Nutzung der Ressource Holz zu sein – und somit den Wald als größten Primärproduzenten der Erde auszuschließen“, sagt Christoph Leditznig. „Wichtig ist, den Fokus auf nachhaltige Forstwirtschaft zu legen, denn diese ist – sogar in Europa – derzeit kaum vorhanden. Dazu gehören eine naturnahe Nutzung von Wirtschaftswald, der Schutz von verbliebenen Primärwäldern, wo es möglich ist eine (Wieder-)Aufforstung auf allen Flächen weltweit und der genaue Blick auf die jeweilige forstliche Nutzung: Wenn die Rentabilität – auch in Hinblick auf die CO2-Bilanz – nicht gegeben ist, sollte man eine Einstellung überlegen“, so Leditznig. „Die vernünftige Nutzung der Ressource Holz steht außer Frage. Um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen, sollte klar sein, dass beides höchst notwendig ist: Waldschutz und Waldnutzung.“

Fakten:

Bäume sind natürliche Klimaschützer*

Sie entziehen der Luft beim Wachstum das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) und wandeln es mit Hilfe des Sonnenlichts in Kohlenstoff und Sauerstoff um. Der Kohlenstoff wird im Holz gespeichert, der Sauerstoff wieder an die Umgebung abgegeben.

Der Wald schütz das Klima zweifach

Einerseits filtern Wälder das Treibhausgas CO2 aus der Luft. Neben der reinen CO2-Bindung kommt es aber auch zu einer „Substitutionswirkung“: Durch eine bewusste Nutzung des Werkstoffes Holz aus nachhaltiger Bewirtschaftung können energieintensive Bau- und Werkstoffe ersetzt und somit CO2-Emissionen eingespart werden.

Holzhäuser sparen doppelt CO2*

Häuser aus Holz verlängern den Kohlenstoffspeicher aus dem Wald. Jeder Kubikmeter verbautes Holz bindet 1 Tonne CO2 langfristig. Dazu kommt, dass Holz andere Baustoffe wie Ziegel, Beton oder Stahl ersetzt. Diese sind im Gegensatz zu Holz in der Herstellung CO2-intensiv. „Auch wenn bei der Holzgewinnung und -verarbeitung Energie eingesetzt werden muss“, so Christoph Leditznig.

Ein Denkanstoß

Um nur 20 Prozent des derzeitigen CO2-Ausstoßes in Wälder binden zu können, müsste man – auf Europa umgelegt – die Hälfte des Kontinentes bis 2050 wiederbewalden …

Wer mit Holz baut, baut einen zweiten Wald aus Häusern*

In Österreichs Wäldern stehen rund 3,4 Milliarden Bäume, insgesamt sind in unseren Wäldern 800 Millionen Tonnen Kohlenstoff gespeichert. Das entspricht rund 3 Milliarden Tonnen gebundenem CO2. Der Wald bindet somit 35-mal jene Menge CO2, die in Österreich jährlich ausgestoßen wird. Holz aus dem Wald zu ernten und als Baustoff zu nutzen, steigert den Klimaschutz-Effekt des Waldes: Denn das CO2 bleibt im Holz gebunden, solange es stofflich genutzt wird und nicht verbrennt oder verrottet. Häuser aus Holz wirken als Kohlenstoffspeicher wie ein zweiter Wald. Anstelle der gefällten Bäume pflanzen Forstleute im Wald neue Bäume, die wieder aktiv CO2 aus der Umgebungsluft entziehen.

* Fakten von proHolz Austria

„Die Verwendung von Holz – speziell in der Bauwirtschaft – ist zu begrüßen und unsere Vision von einem ‚Haus der Wildnis‘ wird aus diesen Gründen als nachhaltiger Holzbau ausgeführt“ Christoph Leditznig

Rückkehr der Beutegreifer

Im Positionspapier „Die Rückkehr der Jäger?“ beziehen Reinhard Pekny und Christoph Leditznig von der Schutzgebietsverwaltung Wildnisgebiet Dürrenstein Stellung zum aktuellen und brisanten Thema „Groß-Prädatoren“.

Viel Mythos, wenig Wissen und viel Fehlinformation prägen die Diskussionen und Medienbeiträge. Die Rückkehr von Beutegreifern wie Wolf und Luchs sowie deren Rolle im Ökosystem werden auch von seriösen Autoren sehr unterschiedlich bewertet.

Bei einem so breiten Spektrum an Erkenntnissen fällt es schwer, zu einer objektiven Beurteilung zu kommen. Wie so oft scheint sich zu bestätigen, dass allgemein gültige Aussagen und dogmatische Regeln den komplexen Abläufen und Zusammenhängen in der Natur nicht gerecht werden.

Raubtiere im Wildnisgebiet

Versucht man an die gesamte Thematik möglichst (völlig ist nicht möglich) unvoreingenommen heranzugehen, sollten folgende Punkte außer Streit gestellt werden:

Die Großprädatoren sind kein jagdliches Thema. Unsere Jagdgesetze sehen vor, dass sich der Jäger Wildtiere aneignen darf, die lebenden Tiere sich jedoch nicht im Besitz des Jagdausübenden befinden. Eine signifikante Reduktion der oftmals zu hohen Schalenwildbestände ist durch Wolf und Co nicht zu erwarten.

Leidtragende können einzelne Landwirtschaftsbetriebe sein, die eine entsprechende Entschädigung durch die Gesellschaft erfahren müssen. Unterschiedlichste Modelle könnten hier angedacht werden. V. a. für präventive Maßnahmen sollten Geldmittel zur Verfügung gestellt werden. Wie in einzelnen Bundesländern Deutschlands auch möglich, sollten Entschädigungen auch dann geleistet werden, wenn der tierische Verursacher nicht eindeutig festgestellt werden kann.

Und damit sind wir beim tatsächlichen Kern der Thematik angelangt: Es stellt sich die elementare Frage: Will der Mensch seinen Alleinanspruch an diese Welt weiter behaupten, oder auch anderen Lebewesen ein inhärentes Existenzrecht zuerkennen?

Die Schutzgebietsverwaltung Wildnisgebiet Dürrenstein bekennt sich zur Rückkehr der Groß-Prädatoren, da gerade im Umfeld des Wildnisgebietes insbesondere für Luchs, Wolf und Braunbär ausreichend Lebensräume existieren. Wir wünschen uns, dass diese Thematik auf sachlicher Ebene weiter behandelt wird, und die Rückkehrer toleriert werden – unter gleichzeitiger Schaffung eines Entschädigungspools für betroffene Betriebe. Gleichzeitig kann und wird von der Wildnisgebietsverwaltung keine Initiative zur Wiedereinbürgerung dieser Tierarten ausgehen, da die Lebensräume im Wildnisgebiet selbst dafür viel zu klein sind und weil dies nur im Konsens mit Partnern funktionieren würde. Wir freuen uns aber im Sinne unseres Auftrages zum Erhalt einer natürlichen Artenvielfalt über jeden Zuwanderer.

Biodiversität – Liebhaberei einiger Ökologen oder unverzichtbarer Schatz für Alle?

Der Verlust der Artenvielfalt wird seit vielen Jahren beklagt. Und er schreitet trotzdem immer schneller voran, sodass wir heute schon von einem weiteren großen Massenaussterben sprechen, das aber nicht von Naturkatastrophen ausgelöst wird, sondern von uns Menschen.

Leider ist es sehr schwer zu vermitteln, warum die Vielfalt des Lebens und das vorhanden sein von unberührter Natur auch für den zivilisierten Menschen, der zu zwei Dritteln in relativ sterilen Großstädten wohnt, von Bedeutung ist.

Eine jahrelange Untersuchung der Universität Ulm brachte dazu erstaunliche Ergebnisse, die im Angesicht der aktuellen Situation auf der Welt gute Belege für die Auswirkungen des Biodiversitätsverlustes auf das menschliche Leben liefert.

Die meisten (etwa 70 %), neu auftretenden Krankheiten bei uns Menschen sind sogenannte Zoonosen, also von Erregern verursacht, die von Tieren auf uns Menschen übertragen werden.

Mit der zunehmenden Umweltzerstörung und dem Urbarmachen von Wildnis sinkt die Vielfalt der dort lebenden Arten. Damit erhöht sich häufig die Individuenzahl von „Allerweltsarten“, welche die fehlende interspezifische Konkurrenz nutzen und sich stärker vermehren. Damit erhöhen sich die innerartlichen Kontakte der Wirtstiere und somit auch die Übertragungswahrscheinlichkeiten für einen Erreger. Denn bei Kontakt mit einem Individuum einer fremden Spezies könnte der Erreger nicht erfolgreich andocken und sich weiter vermehren.

Aus diesem Grund ist es ein großer Unterschied für die Ausbreitung der Erreger, ob es 20 Arten einer Gattung gibt oder nur mehr eine.

Feld
Monotone, mit Herbiziden behandelte Agrarflächen sind das Ende der Biodiversität

Wie die langjährigen Studien gezeigt haben, steigt durch das menschliche Vordringen und die Reduktion der Biodiversität die Wahrscheinlichkeit des Auftretens neuer Zoonosen ganz deutlich! Welche Kosten und Folgen diese Krankheiten für alle Menschen haben können wurde uns durch die Ausbreitung der Covid-19 Virus so deutliche wie noch nie vor Augen geführt. 

Die Erhaltung der Biodiversität, die Bewahrung von Rückzugsgebieten und von großen Lebensräumen ohne menschliche Einflussnahme ist nicht das „Pläsierchen“ von einigen „grünen Spinnern“, sondern eine grundlegende Notwendigkeit für die Existenz der gesamten Menschheit!

Es ist höchste Zeit, die Bedeutung und den Wert der Biodiversität, die weit über die Verhinderung von Zoonosen hinausgeht, endlich ins Bewusstsein zu holen und jene Wertschätzung des Ungenutzten, des „scheinbar Nutzlosen“ zu erreichen, die für die Absicherung unserer Zukunft unabdingbar ist.

Mischwald
Mischwald durchsetzt von Freiflächen und Mooren beheimaten eine hohe Artenvielfalt
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