Lamproderma pulveratum (Foto: Iryna Yatsiuk)

Frühlings-Schleimpilze im Wildnisgebiet

Iryna Yatsiuk, Mykologin

Abteilung für Mykologie und Pflanzenresistenz

V.N. Karazin Kharkiv National Universität, Ukraine

 

Dieses Jahr im Mai verbrachten ich und mein Ehemann Yehor Yatsiuk, Ornithologe, eine Woche im Wildnisgebiet Dürrenstein. Während Yehor am Eulen-Forschungsprojekt beteiligt war, bin ich Mykologin und habe mich daher auf Pilze konzentriert. Obwohl für die Ernte von Pilzen (als Nahrungsmittel) der Herbst die geeignetste Jahreszeit ist, ist für Mykologen der Frühling eine sehr gute Zeit, um interessante Arten und ökologische Gruppen zu entdecken.

Eine dieser Frühlingsgruppen sind schneeaffine Schleimpilze. Um genau zu sein, sind Schleimpilze (oder Myxomyceten) keine echten Pilze. Sie sind Protisten (ein- bis wenigzellige Lebewesen), Amöben, die aggregieren können und auf einer Stufe ihres Lebenszyklus pilzartige Fruchtkörper von Millimetern bis zu Dutzenden von Zentimetern bilden. Deshalb werden sie traditionell von Mykologen untersucht. Als Amöben leben Schleimpilze auf Pflanzenresten, wo sie sich von Bakterien oder anderen Mikroorganismen ernähren. Wenn die Amöbenpopulation wächst und die Nahrungsressourcen aufgebraucht sind, aggregieren Amöben (kriechen zusammen) und bilden eine riesige Amöbenmasse (Plasmodium). Plasmodien sehen aus wie farbiger Schleim und geben der ganzen Gruppe den Namen - Schleimpilze. Danach bilden Schleimpilze Sporokarpe - kugelähnliche, haarähnliche oder Lollipop-artige Fruchtkörper auf totem oder lebendem Holz, auf Gräsern oder gar an Hauswänden.

Als Konsumenten von Bakterien und als Nahrung für z.B. Käfer und Nacktschnecken, sorgen Schleimpilze für Nährstoffflüsse im Ökosystem und sind wesentlicher Bestandteil der Nahrungsnetze der Wälder.

Normalerweise können Schleimpilze in warmen Jahreszeiten gefunden werden, besonders nach Regenfällen. Aber eine Gruppe von Schleimpilzen, mehr als 80 Arten, die allgemein als "schneeaffine" oder "schneebewohnende" Schleimpilze bezeichnet werden, wählten eine spezielle ökologische Strategie. Sie entwickeln ihre Plasmodien und Fruchtkörper im späten Frühjahr am Rande des schmelzenden Schnees. Dieser Lebensraum bietet besondere Bedingungen. Einerseits ist die Temperatur unter dem schmelzenden Schnee ziemlich niedrig (schneeaffine Schleimpilze sind sehr gut daran angepasst), andererseits schützt die Schneeschicht vor schnellen Änderungen der Temperatur. Darüber hinaus ist dieser Lebensraum durch die hohe Feuchtigkeit und große Mengen an Pflanzenmaterial für diese Organismen geeignet. Schneeaffine Arten von Schleimpilzen sind am häufigsten in Gebirgslagen, vor allem im Alpengürtel, zu finden, sodass das Wildnisgebiet Dürrenstein ein perfekter Ort ist, um eine hohe Artenvielfalt dieser erstaunlichen Gruppe zu erwarten.

Insgesamt wurden während unseres kurzen Aufenthalts 18 Arten von Schleimpilzen registriert, darunter 14 Arten von nivicolen Schleimpilzen. Die meisten von ihnen gehören zur Gattung Lamproderma, deren Fruchtkörper in verschiedenen Farbtönen von blau, bronzefarben und violett leuchten.

Lamproderma pulveratum (Foto: Iryna Yatsiuk)

Darüber hinaus waren das leuchtend gelbe Physarum alpestre und das reinweiße Diderma alpinum sehr häufig. Ihre Fruchtkörper sind mit einer Kruste bedeckt, die aus Kalziumkarbonat besteht.

Physarum alpestre (Foto: Iryna Yatsiuk)

Abgesehen von Schleimpilzen identifizierten wir im Wildnisgebiet neun Arten Echter Pilze. Unter ihnen vier verschiedene Arten von Lorcheln (Gattung Gyromitra). Eine der entdeckten Arten, Gyromitra geogenia, hat einen fast nicht sichtbaren Stiel und sieht im Allgemeinen wie eine bräunliche Platte aus, die auf dem Boden liegt. Es ist eine alpine Art, die auch dafür bekannt ist, in der Nähe schmelzenden Schnees zu wachsen.

Gyromitra geogenia (Foto: Yehor Yatsiuk)

Gut erhaltene Wälder der Wildnis, einschließlich der Urwälder, bieten eine hohe Artenvielfalt von Pilzen und pilzartigen Protisten, und zweifellos gibt es noch viel mehr Arten zu entdecken!

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