Borkenkäfer im Naturwald

Die Borkenkäfer (Scolytinae) sind eine Unterfamilie der Rüsselkafer (Curculionidae). In Europa gibt es etwa 154 Arten. Als Wirts- und Nahrungspflanzen dienen den Käfern überwiegend verholzte Gewächse. Zur Eiablage bohren die Käfer Gänge in die Rinde oder in das Holz. Diese Brutgänge lassen charakteristische Brutbilder entstehen. Man unterscheidet zwischen Holzbrütern und Rindenbrütern: Die Larven der Holzbrüter leben im Holzkörper und ernähren sich von Pilzrasen (Ambrosia), die das Muttertier anlegt.

Vom Bokenkäfer befallene Fichten werden bald kahl - Wildnisgebiet Dürrenstein

Die Larven der Rindenbrüter ernähren sich von den saftführenden Schichten des Baumes in der Rinde (Bastgewebe). Da diese Schicht die Lebensader des Baumes darstellt, führt der Befall meist zum Absterben. Gesunde Bäume an arttypischen Standorten wehren sich gegen einbohrende Borkenkäfer z.B. mit Harzfluss. Zudem unterliegt die Entwicklung des Buchdruckers in naturnahen Mischwäldern natürlichen Zyklen und beschränkt sich auf inselartige Nadelbaumvorkommen, die Massenvermehrungen unterbinden.

Borkenkäfer spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem Wald:

  • Im Stoffkreislauf: Borkenkäfer bereiten das Holz (v. a. die Rinde) für den Abbau durch Destruenten (Bakterien, Pilze, tierische Zersetzer) vor. Die in den Bäumen gespeicherten organischen Verbindungen werden so als Nähr- und Mineralstoffe dem Ökosystem wieder neu verfügbar gemacht.
  • Durch die Schaffung neuer Lebensräume: In den Fraß- und Brutgängen der Borkenkäfer leben eine Vielzahl von Lebewesen, die hier ihre Nahrung suchen, sich verstecken, überwintern oder sich vermehren. Das entstehende Totholz bietet seltenen Arten aus dem Tier-, Pflanzen- und Pilzreich Lebensraum, die in unseren Wirtschaftswäldern nur mehr wenig Platz finden.
  • Als Nahrungsgrundlage für andere Tiere: Die Käfer und Larven der Borkenkäfer spielen eine bedeutende Rolle in den Nahrungsketten des Waldes, z.B. als Nahrung von räuberischen und parasitischen Insekten oder Spechten.
  • In der Selektion und Bestandesumwandlung: In naturnahen Wäldern werden in der Regel v. a. geschwächte und kränkelnde Bäume befallen. Dadurch erhalten robuste Bäume einen Selektionsvorteil und reichern sich im Genpool der Baumpopulation an. Abgestorbene Bäume lassen Licht zum Waldboden vordringen und fördern damit die Regeneration und Verjüngung des Bestandes.
  • Waldflächen, die im Umwandlungsprozess sind, stellen zusätzliche Äsungsflächen für Schalenwildarten und Jagdgebiete für beispielsweise Greifvögel, Eulen und Fledermäuse dar.

Der Mensch hat durch die Pflanzung ausgedehnter Fichtenreinbestände (Monokulturen) optimale Borkenkäferbiotope geschaffen. Die Fichte (Picea abies) ist eigentlich ein Gebirgsbaum, der feuchtes und kühles Klima bevorzugt. An Standorten im Tiefland ist sie krankheitsanfällig und leidet an Trockenheit und schlechter Nährstoffversorgung. Die Klimaerwärmung verstärkt diese Stressfaktoren noch. Sind durch das Klima (z.B. mehrere, aufeinander folgende warme und trockene Vegetationsperioden) und die Vielzahl geeigneter Brutbäume (z.B. nach Windwurf im Fichtenforst) gute Entwicklungsbedingungen gegeben, kann es zu Massenvermehrungen der rindenbrütenden Fichten-Borkenkäferarten Ips typographus (Buchdrucker) und Pityogenes chalcographus (Kupferstecher) kommen. Dann besteht auch die Gefahr eines Befalls von vitalen Bäumen, deren Abwehrkräfte durch die Massenansiedlung der Käfer überwunden werden. Zudem fördert der Klimawandel die Ausbreitung der Borkenkäfer in immer höhere Lagen und führt zu einem schnelleren Generationszyklus (bis zu drei Generationen pro Jahr wurden bisher beobachtet).

In der ökonomisch orientierten Forstwirtschaft sind die Borkenkäfer gefürchtete und verhasste Schädlinge, die zu bedeutenden Ertragsausfällen führen und für deren Bekämpfung große Summen aufgewendet werden. Im Wildnisgebiet sind die Borkenkäfer allerdings Partner, die ein natürlicher Teil des Ökosystems sind und maßgeblich zur beschleunigten Umwandlung der sekundären Fichtenbestände in standorttypische Mischbestände beitragen.

Das Wildnisgebiet wurde als Biotopschutzwald nach dem Österreichischen Forstgesetz ausgewiesen. Diese Ausweisung entbindet die Verwaltung des Wildnisgebietes von der zwingenden Bekämpfung der Borkenkäfer im Schutzgebiet. Nichtsdestotrotz hat sie Sorge zu tragen, dass benachbarte Wirtschaftswälder nicht ernsthaft bedroht werden. Zu diesem Zweck wurden folgende Kontrollmethoden eingeführt:

  • Im Wildnisgebiet erhobene Klimadaten werden in das vom Institut für Forstentomologie, Forstpathologie und Forstschutz (IFFF) der BOKU entwickelte computergestützte Borkenkäfer-Phänologie-Modell "PHENIPS" eingespeist. Dieses berechnet das Schwärmverhalten und prognostiziert die Borkenkäferentwicklung.
  • Eine Pufferzone im Ausmaß von 300 bis 600 m Breite außerhalb des Wildnisgebietes wurde festgelegt. (Studien aus Deutschland haben gezeigt, dass 95 % der ausfliegenden Borkenkäfer in einem Radius von 300 m einen neuen Wirtsbaum besiedeln.) Die Lokalisierung und Breite der Pufferzone orientiert sich am Bestandesaufbau (Fichtenanteil innerhalb und außerhalb des Wildnisgebietes).
  • Gemeinsam mit der zuständigen Forstbehörde werden zweimal jährlich Begehungen zur Kontrolle der Entwicklung durchgeführt.
  • Mitarbeiter des IFFF kartieren jährlich im Herbst die Dynamik des Stehendbefalls bzw. die tatsächliche Zunahme der vom Borkenkäfer befallenen Bäume.

Karte mit den Markierungen der Borkenkäferbefälle der Jahre 2003-2012 - Wildnisgebiet Dürrenstein

Karte für volle Größe anklicken...

Für das Wildnisgebiet liegt eine genaue Dokumentation über die Ausdehnung des Borkenkäferbefalls der letzten Jahre vor. Der Neubefall an stehenden Bäumen fand ausschließlich in unmittelbarer Nähe der vorjährigen Befallsflächen (Radius < 200 m) statt. Es gibt keine Hinweise für einen aus dem Wildnisgebiet stammenden Neubefall in den angrenzenden Wirtschaftswäldern. Da ein Überfliegen der das Wildnisgebiet umgebenden Bergrücken mit Höhenlagen zwischen 1300 und 1600 m als äußerst unwahrscheinlich angesehen werden kann, ist im Wildnisgebiet nur von einem lokal begrenzten Befall von Fichten auszugehen, deren Absterben vielleicht einer den veränderten klimatischen Bedingungen besser angepassten Baumart Platz schafft.

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