Wie die gesamte Forstwirtschaft sind auch alle Schutzgebiete in entsprechenden Lagen mit z. T. massiven Massenvermehrungen einzelner Borkenkäferarten konfrontiert. Insbesondere der Buchdrucker (Ips typographus) und der Kupferstecher (Pityogenes chalcographus) können dabei im Wirtschaftswald zu massiven Schäden führen. Dies unterscheidet die Situation im Wirtschaftswald von jener im Wildnisgebiet maßgeblich, da es im Schutzgebiet keinen ökonomischen Schaden gibt und die Borkenkäfer werden daher auch nicht als Schädlinge gesehen. Klimaveränderungen und Kyrill mit all seinen Folgestürmen sowie möglicherweise eine Änderung in der Zusammensetzung der genetischen Variabilität - z. B. beim Buchdrucker - führten in den letzten Jahren zu unerwarteten Massenvermehrungen, speziell in Seehöhen von 1.200 bis 1.600 m.
Pufferzonen
Bisherige Praxis in Schutzgebieten bei forsthygienischen Maßnahmen war es, dass alle notwendigen Eingriffe zur Eindämmung der Problematik innerhalb des Schutzgebietes stattfinden mussten bzw. stattgefunden haben. Diese Arbeiten sind mit hohen Kosten verbunden und wurden und werden durch Einnahmen aus dem Holzverkauf aus dem Schutzgebiet abgedeckt (nicht im Wildnisgebiet!). Die Verwaltung des Wildnisgebietes versucht nun in Zusammenarbeit mit den benachbarten Grundeigentümern, der Behörde und unter Einbeziehung des wissenschaftlichen Beirates des Wildnisgebietes einen neuen Weg zu gehen. Die Verwaltung des Wildnisgebietes geht nun den Weg, den Wirtschaftsbetrieb zu unterstützen. Das Wildnisgebiet anerkennt dabei einerseits, dass die Entwicklung der Borkenkäfer sich nachteilig auf den benachbarten Wirtschaftswald auswirken kann und andererseits anerkennt der Grundeigentümer, dass die Zielsetzungen des Wildnisgebietes nur dann aufrecht erhalten werden können, wenn allfällige Maßnahmen nur außerhalb des Schutzgebietes stattfinden. Ein Meilenstein in der Betreuung von Großschutzgebieten!
Details zum Modell
Gemeinsam mit dem Grundeigentümer und dem wissenschaftlichen Beirat wird eine Pufferzone im Ausmaß von 300 bis 600 m Breite außerhalb des Wildnisgebietes festgelegt. Neuestes Studien aus Deutschland haben gezeigt, dass 95 % der ausfliegenden Borkenkäfer innerhalb von 300 m ihren neuen Wirtsbaum finden.
Die Lokalisierung und Breite der Pufferzone orientiert sich am Bestandesbild, im Konkreten am Fichtenanteil angrenzend an das Wildnisgebiet bzw. am Fichtenanteil im Wildnisgebiet. Die ungünstigste Situation ist demnach dann gegeben, wenn ein Fichtenbestand im Wildnisgebiet unmittelbar an einen Fichtenbestand im Wirtschaftswald angrenzt. Wobei festzuhalten ist, dass im gesamten Wildnisgebiet weniger als 10 % reine Fichtenbestände sind. Durch den starken Populationsdruck bei den Borkenkäfern wurden in den letzten Jahren aber auch immer mehr Fichten innerhalb von Mischbeständen befallen.
Die Pufferzone ist jedoch nicht als starr und immerwährend zu sehen, sondern als dynamisches Element bei der Bekämpfung der Borkenkäfer. Je nach Änderungen im Bestandesalter und in der Baumartenzusammensetzung im Altholz kann es auch zu Veränderungen in der Ausweisung der Pufferzone kommen.
Die Mitarbeiter der Wildnisgebietsverwaltung beteiligen sich zur Unterstützung des Forstbetriebes aktiv an der Suche nach von Borkenkäfern befallenen Bäumen in der Pufferzone, um so den Forstbetrieb hinsichtlich Personalkosten zu entlasten.
Zur tatsächlichen Reduktion der Borkenkäfer werden Fangbäume geschaffen. Wobei hier auf zwei Alternativen zurückgegriffen wird. Da im Frühjahr die Vorlage von Fangbäumen aufgrund der oft hohen Schneelage nicht rechtzeitig möglich ist, werden bereits im Herbst durch Ringelung stehender Fichten Fangbäume geschaffen, die speziell zum Abfangen der sogenannten „Pionierkäfer“ beitragen sollen. Diese Vorgehensweise soll bereits den ersten Befallsdruck maßgeblich reduzieren, da diese Bäume bei einem entsprechenden Befall umgehend aus dem Bestand entfernt werden müssen. Diese stehenden Fangbäume werden rund um bereits bestehende „Käferlöcher“ in der Pufferzone geschaffen – meist 3 – 5 Bäume. Je nach Befallsintensität der stehenden Fangbäume werden dann Fangbäume nachgelegt. Der Abtransport der Fangbäume wird von der jeweiligen Forstverwaltung organisiert, der auch der Erlös aus den Fangbäumen, die meist noch völlig „gesund“ sind, bleibt.
Kontrollen
Um der Diskussion über die Verschuldensfrage betreffend der Befallssituation Schärfe zu nehmen bzw. diese auf eine sachliche und objektive Ebene zu heben, wurde gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Beirat ein sogenannter Borkenkäferindex entwickelt.
Kenngrößen dieses Indexes sind:
Klimadaten
Kontrollfänge von Borkenkäfern
Schadholzanfall
Der Index bietet einerseits die Möglichkeit, wie bereits ausgeführt, dem Verursacherprinzip etwas näher zu kommen und andererseits kann somit eine nachvollziehbare Bewertung des tatsächlichen Schadens, der durch das Wildnisgebiet verursacht wird, eruiert werden.